Jedes Jahr vom 1. April bis 31. Juli tritt im Aargau dieselbe Regel in Kraft: Hunde im Wald und am Waldrand müssen an die Leine. Begründet wird das mit dem Schutz von Rehkitzen und Bodenbrütern. Ich bin der Letzte, der etwas gegen Wildschutz hat – aber Schutz sollte wirksam, verhältnismässig und überprüfbar sein. Genau daran fehlt es der aktuellen Regelung.
Biologie und Gesetz – zwei verschiedene Kalender
Die gesetzliche Frist beginnt am 1. April. Die tatsächliche Setzzeit der Rehe liegt aber zwischen Mitte Mai und Ende Juni. Davor liegen schlicht keine Kitze im Gras, und ab Anfang Juli sind die meisten bereits mobil.
Die Regel geht also über mindestens sechs Wochen über das Ziel hinaus. Man könnte sagen: Die Natur hält sich nicht an den Paragrafen.
Symbolischer Schutz statt gezielter Wirkung
Die Pflicht gilt nur im Wald, obwohl die meisten Kitze auf Wiesen und Feldern gesetzt werden. Dort, wo Mähmaschinen jedes Jahr den grössten Schaden verursachen, gibt es kaum Einschränkungen. Der Wald wird zur symbolischen Schutzzone erklärt, weil man dort Hundehalter am einfachsten kontrollieren kann – nicht, weil dort der meiste Schutzbedarf besteht.
Hauptgefahren für Wildtiere? Nicht der Spaziergänger mit Hund
Alle verfügbaren Erhebungen zeigen:
- 80–90 % der Kitzverluste entstehen durch landwirtschaftliche Mäharbeiten, nicht durch Hunde.
- Natürliche Prädatoren und streunende Katzen verursachen weitaus mehr Gelegeverluste bei Bodenbrütern als kontrollierte Hunde auf Wegen.
- Ein Hund, der auf dem Weg bleibt und abrufbar ist, stellt kaum ein Risiko dar.
Trotzdem konzentriert sich die Gesetzgebung auf die Gruppe, die am sichtbarsten ist – nicht auf jene, die den grössten Schaden verursacht.
Was nicht gemessen wird, kann auch nichts beweisen
Ein Grundproblem liegt tiefer: Es gibt bis heute keine öffentlich zugängliche Evaluation, ob die verlängerte Leinenpflicht tatsächlich messbare Verbesserungen beim Wildschutz gebracht hat.
Moderner, sachlicher Naturschutz müsste so funktionieren:
- Ziel definieren (z. B. weniger Kitzverluste)
- Massnahme setzen
- Ergebnis prüfen und veröffentlichen
Solange dieser Prozess fehlt, bleibt der Schutz nicht evidenzbasiert, sondern behauptet.
Wie Wildschutz wirklich funktionieren könnte
Die Lösung liegt nicht in noch mehr Pauschalregeln, sondern in klarer Verantwortung dort, wo sie Sinn ergibt.
1. Weggebot im Wald – für alle, nicht nur Hunde
Wer im Wald unterwegs ist – ob zu Fuss, mit Hund, Bike oder Gleitschirm – bleibt auf den Wegen, besonders in sensiblen Zeiten. Denn es ist nicht das Tier an sich, das stört, sondern das unkontrollierte Eindringen in Rückzugsräume. Ein Weggebot wäre klar, kontrollierbar und fair.
2. Eigenständiges Hundegesetz – mit Anreizen statt Generalverdacht
Statt alle Hundehalter pauschal zu bestrafen, sollten Regeln nach Verhalten und Ausbildung differenzieren.
- Steuererleichterung oder Bonus für geprüfte, ausgebildete Hunde
- Gezielte Auflagen nur bei tatsächlicher Gefährdung
- Keine Rassenlisten – Beurteilung nach Verhalten statt Optik
- Verknüpfung mit Wildschutz: Wer den Hund nicht im Griff hat, verliert Privilegien
So entsteht Motivation zur Erziehung statt Frust durch Misstrauen.
Fazit
Wildschutz ist wichtig. Verantwortung auch. Aber beides braucht Logik und Nachvollziehbarkeit, nicht starre Fristen und pauschale Verbote.
Regeln dürfen nicht nur gut gemeint sein – sie müssen wirken, überprüfbar sein und Vertrauen belohnen.
Ein Weggebot im Wald kombiniert mit einem Hundegesetz, das gute Ausbildung fördert, wäre ehrlicher, wirksamer und gerechter als jede pauschale Leinenpflicht.
Das wäre Schutz, der nicht nur kontrolliert – sondern überzeugt.